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Friseur · Mai 2026

Balayage seit den 1970ern: Wie die französische Sun-Kissed-Klassik die DACH-Friseur-Welt prägt

Was in den 1970er Jahren in Pariser Maisons als Freihand-Aufhellung gegen die Folien-Strähne entstanden sei, ist heute in der DACH-Friseur-Welt eine eigene Disziplin. Eine Einordnung zwischen Technik, Schulungs-Markt und Salon-Alltag.

Wenn in einem DACH-Salon im Frühjahr 2026 das Wort Balayage falle, dann sei in den allermeisten Fällen nicht mehr von einer reinen Trend-Bezeichnung die Rede, sondern von einer fest etablierten Technik-Familie. Die Wurzel der Methode liege nach übereinstimmender Branchen-Lesart in den 1970er Jahren in Paris, in den dortigen Coiffeur-Maisons, in denen die Freihand-Aufhellung als bewusste Gegenbewegung zur damals dominierenden Folien-Strähne ihren Anfang nahm. Aus dem französischen Verb „balayer” — fegen, wischen — leitete sich der Begriff her, der die wesentliche Bewegung der Hand beschreibt: das aufgetragene Aufhellungs-Produkt werde mit dem Pinsel über die Längen gefegt, nicht eingewickelt, nicht abgeteilt, nicht foliert. Diese vergleichsweise einfache, in der Ausführung jedoch anspruchsvolle Geste sei die Geburtsstunde dessen gewesen, was später als „Sun-Kissed”-Look in die internationale Friseur-Welt einging.

Vom Pariser Maison in die DACH-Salon-Welt

In die DACH-Region kam die Technik in einer ersten Welle ab Mitte der 1980er Jahre, vermittelt über Schulungs-Programme der großen Profi-Marken. Wella, seit 1880 im Markt, und Schwarzkopf, dessen Wurzeln bis ins Jahr 1898 zurückreichen, prägten in dieser Phase die Aus- und Fortbildungs-Landschaft entscheidend mit. Die Darmstädter Goldwell, gegründet 1948 und seit langem ein Fixpunkt der Profi-Coloration im deutschsprachigen Raum, brachte eigene Balayage-Curricula in die Akademien. Hinzu kam mit L’Oréal Professionnel ein Anbieter, dessen Pariser DNA die Technik mit besonderem Nachdruck transportierte. So entstand zwischen Hamburg, Wien und Zürich ein dichtes Netz an Schulungs-Standorten, in denen die Methode systematisch weitergegeben wurde.

Die DACH-Friseur-Welt zähle nach Schätzung des Zentralverbands des Deutschen Friseurhandwerks, der seit 1949 in Köln seinen Sitz habe, im Jahr 2026 in Deutschland rund 80.000 Betriebe; Österreich liege nach KMU-Schätzungen bei ungefähr 8.000, die Schweiz bei rund 7.000 Salons. In einem nennenswerten Anteil dieser Betriebe sei Balayage heute fester Bestandteil der Karten-Leistung, häufig als eigene Service-Kategorie geführt, oft preislich oberhalb der klassischen Strähnen-Folien-Technik angesiedelt. Die Spreizung sei dabei beträchtlich: Während ein kleiner Betrieb in einer mittelgroßen Stadt für eine Balayage-Behandlung im Korridor von etwa 110 bis 180 Euro liege, würden in städtischen Premium-Salons der Metropolen Spannen von 250 bis weit über 400 Euro nicht selten genannt.

Technik-Familie statt Single-Look

Was den Außenstehenden zunächst als ein einzelner Look erscheine, sei in Wirklichkeit eine Technik-Familie mit klar unterscheidbaren Sub-Disziplinen. Im Salon-Alltag würden im Wesentlichen sechs Varianten geführt. Die klassische Balayage arbeite freihand mit weichem Verlauf von einem definierten Ansatz-Tiefenpunkt nach unten in helle Spitzen. Das Ombré, das ab etwa 2008 als Pop-Variante international populär wurde, setze auf einen härteren, eher horizontalen Übergang zwischen Basis und Längen. Das Sombré, als weichere Schwester des Ombré seit ungefähr 2014 etabliert, glätte diesen Übergang wieder. Die Foilayage, in den späten 2010er Jahren entstanden, kombiniere die Freihand-Geste mit der Folien-Technik und ermögliche damit eine intensivere Aufhellung. Babylights, oft fälschlich als reine Balayage-Variante eingeordnet, seien streng genommen eine Folien-Technik mit besonders feinen, kopfhautnahen Strähnen. Der Money-Piece-Look schließlich konzentriere die Aufhellung auf zwei breite Partien am Gesichtsrahmen und sei seit etwa 2020 in der Karten-Leistung präsent.

Diese Differenzierung sei für die Salon-Welt aus mehreren Gründen relevant. Erstens lasse sich darüber eine saubere Preis-Architektur aufbauen, weil Aufwand, Materialeinsatz und Stuhlzeit pro Variante deutlich auseinander liegen. Zweitens entstehe darüber ein klares Schulungs-Profil: Wer die klassische Balayage beherrsche, könne nicht automatisch eine saubere Foilayage liefern, und wer in der Foilayage zuhause sei, müsse nicht zwangsläufig die Konturen-Disziplin des Money-Piece-Looks im Griff haben. Drittens entstehe daraus ein realistischer Beratungs-Rahmen: Die Kundin, die mit einem Smartphone-Foto in den Salon komme und ein „Balayage” wünsche, beschreibe in der Sache oft eines der genannten Sub-Themen, ohne dass ihr die Unterscheidung präsent wäre.

Produkt-Welt: Klassiker und neue Linien

Auf der Produkt-Seite werde der Markt nach wie vor stark von den großen Profi-Marken bestimmt. Wella habe mit der Blondor-Familie eine seit Jahrzehnten etablierte Linie, die in vielen Salons als Standard für die Freihand-Aufhellung gelte. Schwarzkopf führe mit der BlondMe-Reihe eine direkt für moderne Balayage-Techniken kuratierte Produkt-Welt, deren Bonding-Komponenten in den letzten Jahren ausgebaut worden seien. Goldwell biete mit der SilkLift-Familie eine im Profi-Handel breit verfügbare Aufhellung. L’Oréal Professionnel positioniere die Blond-Studio-Linie als Premium-Aufhellung mit kurzer Einwirkzeit. Davines aus Parma, dessen DACH-Distribution seit den 2000er Jahren ausgebaut worden sei, habe sich mit nachhaltiger Markenführung in einem deutlich kleineren, aber stabilen Segment etabliert.

Quer zu diesen klassischen Aufhellungs-Linien laufe seit ungefähr 2014 die Bonding-Diskussion. Olaplex, ein US-Anbieter, der mit dem Wirkprinzip rund um Bis-Aminopropyl-Diglykol-Dimaleat international für Aufmerksamkeit gesorgt habe, sei der bekannteste Vertreter; daneben hätten sich mit K18, Wellaplex und vergleichbaren Linien Alternativen etabliert. Die produktrechtliche Klassifikation als Kosmetisches Mittel nach der EU-Kosmetik-Verordnung 1223/2009, die seit dem 11. Juli 2013 unmittelbar gelte, sei bei diesen Produkten unstrittig; eine medizinische Werbeaussage sei dagegen unzulässig.

Schulungs-Markt und Wirtschaftlichkeit

Die Schulungs-Landschaft rund um Balayage sei in der DACH-Region inzwischen vielschichtig. Neben den Akademien der Hersteller existiere eine wachsende Zahl unabhängiger Coloration-Schulen, die in Wochen-Kursen die einzelnen Sub-Techniken vermittelten. Kursgebühren im Korridor von 600 bis 2.400 Euro für ein- bis dreitägige Formate seien marktüblich, internationale Master-Klassen in Paris oder Mailand bewegten sich oberhalb davon. Für den Salon-Inhaber, der seine Mitarbeitenden in dieser Disziplin weiterentwickeln wolle, sei die Investitions-Logik klar: Eine sauber ausgeführte Balayage rechtfertige am Markt einen Preis, der die Schulungs-Kosten in überschaubarer Zeit refinanziere, vorausgesetzt, der Salon halte die Qualität konstant und kommuniziere die Differenzierung sauber nach außen.

Wirtschaftlich relevant sei dabei die Stuhlzeit. Während eine klassische Strähnen-Folien-Behandlung in geübter Hand in 90 bis 120 Minuten erledigt werden könne, beanspruche eine ambitionierte Balayage mit anschließender Tonierung und Pflege-Behandlung nicht selten 180 bis 240 Minuten. Diese Zeit-Realität müsse in der Termin-Logik des Betriebs abgebildet sein. Ein Kalender, der eine Balayage in 90 Minuten verbuche, produziere strukturell Verzug, der sich über den Tag fortschreibe und am Ende auf die Folge-Kundinnen abfärbe.

Personal, Mindestlohn und Ausbildung

Personalseitig sei die Lage in der DACH-Friseur-Welt im Mai 2026 weiterhin angespannt. Der gesetzliche Mindestlohn nach dem Mindestlohngesetz, das seit dem 1. Januar 2015 in Deutschland gelte, sei in mehreren Stufen erhöht worden; eine entsprechende Lohnentwicklung in der Schweiz und in Österreich werde über die jeweils gültigen Kollektivverträge abgebildet. Für den Salon-Inhaber bedeute dies, dass die Marge der einzelnen Dienstleistung kalkulatorisch sauber abgebildet sein müsse. Eine Balayage, die preislich unterhalb der tatsächlichen Stuhlzeit-Kosten liege, sei betriebswirtschaftlich nicht haltbar.

Auf der Ausbildungs-Seite sei die Lage zwiespältig. Die Zahl der neu abgeschlossenen Ausbildungs-Verträge im Friseur-Handwerk sei in den vergangenen zwei Jahrzehnten rückläufig gewesen; gleichzeitig zeige sich eine wachsende Bereitschaft jüngerer Berufseinsteigerinnen und Berufseinsteiger, sich nach der Gesellen-Prüfung in einer Spezial-Disziplin wie Coloration zu profilieren. Die Balayage sei dabei einer der häufigsten Eintritts-Punkte in die Welt der spezialisierten Weiterbildung, weil sie sowohl handwerkliches Können als auch ein hohes Maß an Bildsprache und kreativer Kommunikation verlange.

Visuelle Sprache und Salon-Marketing

Die visuelle Sprache rund um die Balayage habe sich in den vergangenen Jahren spürbar gewandelt. Während in der Frühzeit der DACH-Adaption noch das satte, kontrastreiche „Hollywood-Blond” dominiert habe, zeichne sich seit etwa 2022 eine deutlich gedämpftere Tendenz ab. Wärmere Untertöne, weichere Übergänge, ein bewusst gepflegtes „Lived-In”-Anmutungs-Bild prägten die Look-Books. Das habe auch Konsequenzen für die Salon-Kommunikation: Vorher-Nachher-Bilder, die in einem über-aufgehellten Tonwert präsentiert würden, träfen zunehmend auf eine Kundinnen-Erwartung, die genau das nicht mehr sehen wolle.

In der Salon-Kommunikation der DACH-Region sei daher eine Verschiebung beobachtbar. Die früher dominierende Plakat-Ästhetik weiche einer ruhigeren, redaktionell anmutenden Bildsprache. Salons, die diesen Wandel mitgingen, präsentierten ihre Arbeit häufig in einem dokumentarischen Stil, der Hand-Bewegung, Pinsel, Lichtsituation und Endergebnis als zusammenhängende Sequenz zeige. Diese Sprache sei nicht zufällig der internationalen Editorial-Fotografie nahe; sie korrespondiere mit einem gewachsenen Verständnis dafür, dass Balayage nicht nur ein Produkt, sondern eine Handwerks-Erzählung sei.

Regionale Unterschiede im DACH-Raum

Innerhalb des DACH-Raums lasse sich eine erkennbare regionale Differenzierung beobachten. Die süddeutsche Salon-Welt, München, Stuttgart, Augsburg und Nürnberg, sei traditionell etwas früher in der Adaption internationaler Techniken; das hänge mit der Nähe zu den italienischen Schulungs-Zentren in Mailand und mit einer kaufkräftigen Klientel zusammen, die für ambitionierte Coloration einen höheren Aufwand zu betreiben bereit sei. Hamburg, Berlin und Köln bildeten in der norddeutschen und westdeutschen Salon-Welt eigene Profil-Zentren mit einer ausgeprägten Editorial-Nähe zur Verlags- und Mode-Welt; hier seien Balayage-Arbeiten häufig in einer Bildsprache präsent, die deutlich an internationale Fashion-Magazine angelehnt sei. Wien als Zentrum der österreichischen Friseur-Welt habe eine eigene historische Tiefe, die in der klassischen Coiffeur-Kultur des frühen 20. Jahrhunderts wurzele und der Balayage-Disziplin eine kulturell verankerte Position verschaffe. Die Schweizer Salon-Welt schließlich, mit Zentren in Zürich, Genf und Basel, sei stark international vernetzt und positioniere die Balayage als Teil einer hochpreisigen Service-Welt, in der eine sorgfältig komponierte Coloration in ein ganzheitliches Salon-Erlebnis eingebettet werde.

Pflege-Welt und After-Care

Eine sauber gearbeitete Balayage entfalte ihre volle Wirkung erst über die Pflege-Welt, die der Salon der Kundin mit auf den Weg gebe. Aufgehelltes Haar reagiere sensibler auf Wärme, mechanische Beanspruchung und Sonnenexposition; die Frage der After-Care sei daher nicht eine Verkaufs-Frage, sondern eine Frage der Haltbarkeit der Arbeit. Im Beratungs-Gespräch nach der Behandlung sei die Empfehlung einer angepassten Shampoo-, Conditioner- und Masken-Welt heute Standard; ergänzt werde sie häufig durch eine farbpflegende Komponente — silberne oder violette Pflege-Linien für die kalten Blond-Töne, neutralisierende Linien für die warmen — und durch eine Empfehlung zur Hitzeschutz-Welt vor Föhn und Glätt-Eisen. Diese Empfehlungs-Welt sei nicht als Verkauf, sondern als Teil der handwerklichen Verantwortung zu verstehen.

Internationale Bezüge

Im internationalen Vergleich sei die DACH-Salon-Welt in der Balayage-Disziplin gut aufgestellt. Die französische und italienische Schule habe die Technik geprägt; die nordamerikanische Salon-Welt habe sie mit der Foilayage und mit der Money-Piece-Welt weiterentwickelt; die DACH-Welt habe das Beste aus beiden Strömungen integriert und mit der eigenen handwerklichen Tradition verbunden. Internationale Master-Klassen, die in Paris, Mailand, London und New York stattfänden, würden in der DACH-Region in einer dichten Frequenz besucht; gleichzeitig habe sich in den letzten Jahren eine eigene DACH-Schulungs-Welt entwickelt, die ihre Inhalte zunehmend auch ins europäische Ausland verkaufe.

Einordnung

So betrachtet sei die Balayage in der DACH-Friseur-Welt heute weit mehr als eine Mode-Erscheinung. Sie sei eine eigene Disziplin innerhalb der Coloration, eine Technik-Familie mit klar differenzierbaren Sub-Themen, ein Schulungs-Markt mit eigener Ökonomie und ein Schaufenster für das, was der Salon der 2020er Jahre handwerklich leisten könne. Wer die Geschichte der Methode kenne — von den Pariser Maisons der 1970er über die DACH-Adaption der 1980er bis zu den Foilayage-Schulen der späten 2010er — habe damit ein Vokabular, mit dem sich Beratung, Preisgestaltung und Kommunikation sauber sortieren lassen. Genau diese Sortierung sei das, was den Salon, der die Balayage ernst nehme, vom Salon unterscheide, der lediglich das Wort auf die Karte gesetzt habe.


Ressort: Friseur